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Neujahrsbotschaft 2018 – – des Metropoliten von Deutschland und Exarchen von Zentraleuropa Augoustinos

Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!

Wir feiern heute den ersten Tag des neuen Jahres und das Fest des hl. Basilius des Großen. Ich wende mich deshalb an euch, um euch meine väterlichen Segenswünsche zu übermitteln und ein Stück des Basiliuskuchens, der Vasilopita, zu teilen. Und ich meine damit nicht das Gebäck, das wir in unseren Kirchen und Häusern heute anschneiden, sondern ein Stück von jener geistlichen Süßspeise der Theologie, die uns der heilige Erzbischof von Cäsarea in Kappadokien als wertvolles Erbe hinterlassen hat.

In einer seiner berühmten Reden, die sich «An jene, die Reichtümer anhäufen» richtet, schreibt Basilius der Große: «Ich kenne viele, die fasten, beten, ihre Sünden bereuen und so ihre aufwandslose Frömmigkeit zeigen – eine Frömmigkeit also, die sie nichts kostet – und nichts für jene tun, die wegen ihrer Not betrübt sind. Was nützen diesen Menschen alle übrigen Tugenden?». Und er fährt fort: «denn sie werden nicht ins Himmelreich kommen» und erläutert, dass wir die Güter, die in unserem Besitz sind, richtig und als Haushalter verwalten sollen und nicht ausschließlich für unsere eigenen Bedürfnisse.

Zunächst gilt es zu fragen, ob wir behaupten können, jene Frömmigkeit aufzuweisen, die der Heilige «aufwandslos» nennt. Sind das Fasten, das Gebet oder die Buße wichtige Bestandteile unseres Lebens oder in unserem Fall doch eher mechanische Abläufe, und ein äußerliches Beachten von Regeln, das uns manchmal sogar lästig ist? Basilius der Große sagt uns, dass uns, selbst wenn wir diese Tugenden aufweisen, dies nichts nützt, wenn wir uns auf diese beschränken, wenn sich also das, was wir für unsere Tugend halten, nicht auch auf unseren Mitmenschen erstreckt, insbesondere jenen, der in Not ist.

Üblicherweise finden wir, wenn wir teilen sollen, Ausreden und sagen, was ja eigentlich auch stimmt, dass wir nicht reich sind, zumindest nicht so reich, um auf irgendwelchen Ranglisten der reichsten Männer und Frauen auf der Welt zu erscheinen. Wir sind also der Meinung, dass wir nicht genügend besitzen, um auch noch mit anderen teilen zu können. Das Erstaunliche an dieser Ausrede ist, dass sie sich selbst widerlegt. Denn die Erfahrung zeigt, dass jene, die am ehesten bereit sind zu teilen, üblicherweise die sind, die weniger besitzen, selbst wenn es hin und wieder Ausnahmen gibt.

Christus selbst lehrt uns, dass das Teilen nicht vom materiellen Wert oder der Quantität unserer Gabe abhängt, sondern von dem, was wir sind, ob wir also unsere Nächsten als Geschwister empfinden. Denn nur dann nehmen wir an ihrer Freude und ihrer Trauer teil und dies selbstverständlich und ohne lange nachzudenken. Anders gesagt: dann, nur dann, lieben wir sie nämlich. So lehrt uns der Herr, dass auch die Dinge, die wenig kosten, wie ein Glas Wasser, etwas zu essen oder ein Kleidungsstück, für den, der sie entbehren muss, einen unschätzbaren Wert besitzen, eben so wie ein

Krankenbesuch oder ein Besuch im Gefängnis. So kann das Paradies auf Erden entstehen, wenn dies in Liebe geschieht.

Die Zeit, in der wir leben, führt uns, wie ich meine, in die Sackgasse des Individualismus und zur ausschließlichen Befriedigung unserer so genannten individuellen Bedürfnisse und Rechte und nicht mehr. Als Christen wissen wir, dass dies eine große Versuchung darstellt, die das menschliche Leben zur Hölle machen kann. Die Liebe setzt als Antriebskraft aller Dinge den anderen voraus, den Christus «der Nächste» nennt. Wir können nicht allein existieren, denn ohne die Beziehung zum Mitmenschen sind wir auch beziehungslos zu uns selbst und zu unserem eigenen Leben. Der Weg zum Reich der Himmel ist ein Weg der Koexistenz, der Solidarität und der Liebe. «Niemand liebt Gott, wenn er nicht seinen Bruder liebt. Und niemand liebt seinen Bruder, wenn er nicht Gott liebt» sagt der hl. Johannes der Theologe. Dieser Weg ist einfach und schön. Er kann einen jeden mit Freude erfüllen, ja, mit jener Freude, die einem niemand nehmen kann.

Ich richte also heute einen Appell an euch alle. Lasst uns dieses Jahr anders leben. Lasst uns 2018 mehr Menschenliebe zeigen, wie es Christus, der große Menschenfreund, tut. Er ist ja der Einzige, der uns die Kraft zu lieben schenken kann. Möge das neue Jahr gesegnet sein mit Taten des Beistands, der Solidarität und der Mitmenschlichkeit.

Bonn, am Neujahrstag 2018

In väterlicher Liebe
Euer Metropolit
+ Augoustinos von Deutschland